Mein Sessel

Wir ziehen bald um. So weit, so banal. Das letzte Mal sind wir vor 14 Jahren umgezogen, in 100m² unsanierten Altbau. Wir hatten nur ein Kind, damals 5 Jahre alt. Große Küche, großer Flur, große Zimmer. Alles groß, außer das Bad. Vier Zimmer, sollte ich vielleicht noch erwähnen. Keins davon ist ein Wohnzimmer im klassischen Sinne, Sofa, Schrankwand, Fernseher. Couchtisch, omg. Ab und zu fehlte uns das, meistens nicht. Wir saßen in der Küche oder im Arbeitszimmer. Oder wir schliefen. Die Kinder, mittlerweile ihrer drei, spielten in den Kinderzimmern oder hingen dort einfach nur rum, man war irgendwann schließlich nicht mehr 5.

Die neue Wohnung hat nur noch drei Zimmer. Kostet dafür das Dreifache. Wir müssen nicht mehr heizen, haben zwei Bäder, drei Balkone, die Zivilisation mit ihren Läden, Kneipen und vor allem mit ihren vielen Haltestellen für die unterschiedlichsten Richtungen, wohnt gleich nebenan. Aber ein Zimmer weniger. Wenn sich das irgendwann alles zurechtgerüttelt hat, sind wir eventuell nur noch zu viert, das wird der erste harte Einschnitt. Vielleicht haben wir dann ein Sofa und eine Einbauküche, Schrankwand sicherlich nicht, ich habe bisher noch keine sinnvolle Daseinsberechtigung dafür entdecken können. Der Fernseher steht im Wohnzimmer und der Rechner wer weiß wo. Arbeitszimmer gibt es ja nicht mehr. 

Wo werde ich also sitzen, mit meinen Tastaturen, den verschiedenen Geräten, mit denen ich mir das Schreiben einfach machen will, immer in der Hoffnung, das nächste technische Spielzeug bringt da den großen Durchbruch?

In einem Sessel! In meinem Sessel! Mein Sessel wird ein sehr bequemer sein, ich saß heute schon in ihm. Er hat zwei Armlehnen, über die ich ein Brett legen kann, darauf dass Pixelchen, im Ohr die Kopfhörer. Neben mir die Liebste, erst fernsehend, bald schlafend. Ich schwanke noch, ob ich das Fußteil auch benötige.

Deutschland, deine Busreisen!

In Deutschland reist man archaisch mit dem Bus. Was gäbe man dafür, in einem rasant beschleunigendem Shinkansen Hikari Superexpress zu sitzen, nichts wackelt, am Tisch lässt sich problemlos die Tastatur benutzen, die Landschaft rast vorbei und nach nicht einmal zwei Stunden ist man in München, nicht zu satt und nicht zu hungrig von den Onigiris, die von bildhübschen Japanerinnen unterwegs gereicht werden.

Oder wenigstens in einem Schlafabteil der russischen Eisenbahn, draußen ist es dunkel, man schreibt noch ein wenig am Tisch, nichts wackelt, die Tastatur lässt sich problemlos benutzen, dazu ein Dosenbier oder ein Tee von der Deschurnaja, ein paar gestotterte Gespräche mit Mitreißenden, frisch und munter steigt man nach acht Stunden Schlaf in München aus.

Doch wir sind in Mitteleuropa, in Deutschland, dem Land, das eine der ersten Eisenbahnen der Welt betrieb. Mittlerweile, reichlich hundertachtzig Jahre später, ist der Zug finanziell dem Bus hoffnungslos unterlegen, hinzu kommt eine fatale Ausdünnung der Strecken. Dresden – München verschlingt im günstigsten Fall sechseinhalb Stunden und kostet das Doppelte des Busses, mindestens einmal umsteigen muss man außerdem.

Und so sitzt man da, weiß, wie es besser wäre und kann trotzdem nichts ändern. Die Sitze durchgesessen, die Autobahn voll, bei dem Gewackel undenkbar, den Tisch genannten Ausklappmechanismus ernsthaft zu benutzen.

Dresden 2015

Ich wohne am Großen Garten. Nach dem Abendessen gehe ich gern ein bißchen spazieren im Park. Seit einiger Zeit beobachte ich dabei immer meine Umgebung, was sind das für Leute da, wie sehen die aus, könnten die etwas gegen mich haben und so. Wenn es dunkel ist, bin ich nur noch mit Freunden unterwegs, alleine ist es zu gefährlich. Zum Glück habe ich viele Freunde, es ist aber schon ein bißchen ärgerlich.

Ein indischer Bekannter sagte dies gestern auf dem Hechtfest zu uns.
Ich war schon in vielen Ländern, sicherlich gab es dabei die ein oder andere Situation, in die ich aus Naivität geraten bin oder in der anderer Menschen Habgier zum Problem wurde. Ich habe es bisher aber noch nicht erlebt, dass ich aus Angst wegen meiner Herkunft oder Hautfarbe abends nicht mehr vor die Tür gehen möchte. Hier ist anscheinend die Zivilisation auf dem Rückzug.

Moskau, Moskau

Donnernder Applaus

Ihr Lieben,

nur ganz kurz: Wir (ich, die Liebste war ja schon hier) sind mit Blitz und Donner über Scheremetjevo niedergegangen. Es gab tatsächlich einen Blitzeinschlag im Flughafen, eine Massenpanik, Schlägerei, einen oder mehrere Tote. Außerdem fiel die gesamte Elektronik aus. Unser Flugzeug und alle, die kurz vor und lange nach uns landeten, wurden per Hand abgefertigt, niemand durfte seinen Sitz verlassen. Bis zehn vor 0 Uhr saß ich, der letzte Aeroexpress vom Flughafen zum Belorusski Woksal fährt 0:30 Uhr…

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