Jedes Jahr im Urlaub

packt die geliebte Gemahlin ein großer Ehrgeiz. Die Bezeichnung Gemahlin rührt übrigens von ihrer vorzüglichen Kocherei und entbehrt nicht etwa deshalb nicht des Buchstaben H, weil sie gemalt untrefflich aussehen würde, im Gegenteil. Außer wenn ich sie malte, denn das zählt nicht zu meinen ohnehin schon spärlich vorhandenen Talenten. Zu diesen rechnet die verehrte Gemahlin das Dichten, weshalb, und damit nähere ich mich endlich dem erwähnten Ehrgeiz, weshalb ich in jedem Urlaub kunstvoll gereimte Banalitäten erfinden muss. Hauptsache, sie passen auf eine Zeile. Die gepriesene Gemahlin schreibt diese dann nämlich auf Postkarten mit Fotos der momentan besuchten Gegend, da ist es wichtig, dass die Zeilen nicht zu lang sind. Früher mussten die Kinder die Fotos malen, heute muss nur noch ich dichten.
Daher schwebt mit dem ersten Urlaubstag ein Damoklesschwert über mir, es ist postgelb und fällt mit den Worten „Und, ist Dir schon ein netter Vierzeiler eingefallen?“ polternd auf mich herab. Jeden Tag im Urlaub.

„Sperrt mich das nächste Mal in den Keller,“

„wenn ich auf so eine blöde Idee komme!“,

sagt der Blick der jungen Frau, die gerade von ihren Freunden angefeuert wird: 10, 9, 8 … Sie steht auf der falschen Seite des Geländers auf der Brücke, die sich in geschätzten 50 Meter Höhe über den Orlik-Stausee spannt, hat ein Gummiseil an den Knöcheln und diverse Gurte und Karabiner um den Leib gehängt.

… 7, 6, 5 …

Bierlumineszenz

Am vierten Juli des vorvergangenen Jahres irrte sich Jochen Lux fatal. Er war leuchtend und blinkend, auf der Suche nach einer Partnerin, durch die schwülwarme Luft der erzgebirgischen Pittoreske Geising getorkelt – wie Glühwürmchen das eben tun – als er sein Blinken erwidert sah und zum Sturzflattern auf die holde Weiblichkeit ansetzte.

Viel zu spät für ein effektives Bremsmanöver erkannte er, dass es sich lediglich um die spiegelglatte Oberfläche eines mit Bier gefüllten und in das Erdreich eingelassenen Napfes handelte. Panisch versuchte er, das rettende Ufer zu erreichen und schluckte dabei Unmengen, ein Wunder, dass er nicht ertrank. Völlig erschöpft und mit nassen Flügeln saß er später auf dem Rand des Napfes, als SIE kam. So eine schöne Glühwürmchin hatte er noch nie gesehen. Sie war groß, ja riesig, er begann sofort aus Leibeskräften zu leuchten. Ein Funkeln antwortete ihm.

Zwei Jahre später stapft Julischka in einer lauen Sommernacht durch den schon dunklen Garten, der vor leuchtenden Würsten nur so wimmelt. Die Glücke, eine Kreuzung aus Glühwürmchen und Nacktschnecke, hat keine natürlichen Feinde.

Konfuzius sagt: „Das Leben ist ein Auf und Ab!“

Ihr Lieben,

antizyklisch pinkeln lautet der Trick, um ein freies Flugzeugklo zu erwischen – der nur einen kleinen Nachteil hat: Meistens schlafen die Sitznachbarn, wenn man muss. Ich muss südöstlich des Baikals, laut Fluginfo. Mein erster Nachbar ist nachvollziehbar über der chinesisch und englisch untertitelten Heidi eingeschlafen, lange bevor das Kind zurück nach Frankfurt muss und der Almöhi in Trauer versinkt. Wir fliegen A380 mit gefühlt 5000 Passagieren, die Schlange beim Boarding in Shanghai Pudong war enorm.
China endet für mich also, wie ich es an allen möglichen und unmöglichen Orten erlebt habe: Mit schlafenden Chinesen.

Weiter geht’s!

Elektrochina

Was hat man nicht alles für Vorstellungen von Chinas Elektronikmärkten. Schier unendlich groß, eine Fülle unbekannter Geräte zu einem Spottpreis. Die Wahrheit ist viel profaner. Groß sind sie in der Tat, sie können locker mehrere Etagen eines 20geschossigen Hochhauses einnehmen. Schlendert man an den einzelnen Läden vorbei, die sich auf einer Etage dicht an dicht drängen, stellt man fest, dass es größtenteils dasselbe wie bei uns gibt.
Und dass man alles reparieren lassen kann – bei einem beträchtlichen Teil der angepriesenen Sachen handelt es sich um Displays, Mainboards, sonstige Einzelbestandteile verschiedener Smartphones, Kamerateile, elektronisch und mechanisch. Inmitten der nerdigen Utensilien thront auch oft gleich rauchend der dazugehörige Fachmann oder die Fachfrau, manchmal auch Nudeln schlürfend, an diese wendet man sich, wenn das Handy mal wieder einen Sturz nicht überlebt hat. Die Freaks können natürlich nur begrenzt zaubern, wenn nichts mehr zu retten ist, verscherbelt man im wahrsten Sinne des Wortes die Reste oder legt für ein Neugerät noch ein paar Scheine obendrauf.

​Konfuzius sagt: „Im Traum tanzen wir wie Kraniche!“

Ihr Lieben,

Song, eingeschlafen. Hinter mir ist noch jemand unbequem weggenickt…

dieser Sonnabend ist der Tag meine Rückreise nach Hangzhou, dort wird am Abend die Liebste eintreffen.
Song „Die Erträumte“, so interpretiere ich völlig frei ihren von ihr ins Englische übersetzten Vornamen, dessen chinesische Variante ich leider vergessen habe (Song ist der Nachname, ihr Vorname würde die beiden Zeichen für Traum und nach, danach beinhalten) fährt ebenfalls dorthin und sitzt neben mir im Bus. Sie ist 20 und redet ununterbrochen, eine Mischung aus Chinesisch und kaum verständlichen englischen Brocken, tippt parallel dazu Zeichen in ihr Handy und zeigt die Übersetzungen erläuternd herum. Mühsam kann man auf diese Art Antworten auf die Mysterien chinesischen Lebens bekommen:

Als da wären…