Wie wir die Welt verbesserten

Warum der Osten tickt, wie er tickt – ein Baustein aus meiner persönlichen Sicht.

In unserer Familie wurde immer viel diskutiert. Lauthals bestätigten wir uns über die Kaffeetafel oder am Grill stehend gegenseitig, dass wir richtig dachten. Meistens ging es um die Fehler, die die Partei beim Aufbau des Sozialismus machte, falsche Planungen, fehlende Transparenz in den Medien, Altersstarrsinn der weisen Führer und den verrotteten Zustand des Kapitalismus, wie wir ihn aus Zeitungen, dem Fernsehen, dem Unterricht kannten. Man kann es auch zusammenfassen: Die da oben waren inkompetent und bekamen ihr Fett weg, die Medien waren zu parteiisch, der Zustand der Welt größtenteils schlecht. Und wir als Familie wissen das. Ach, wenn nur endlich jemand auf uns hörte.


Von außen betrachtet stellten sich diese Diskussionen als genau das dar, als GEGENSEITIGE BESTÄTIGUNG EIN UND DERSELBEN MEINUNG. Es gab keinen Dissenz, niemand wäre auf die Idee gekommen, Honecker zu verteidigen oder die SZ für ihre ausgewogene Berichterstattung zu loben. Zufällig fremde Anwesende wurden mit stolzem Unterton gewarnt, dass es bei uns hoch herginge.

Die Zeiten änderten sich. Die Führer wechselten, der Sozialismus starb einen schnellen, qualvollen Tod. Die Probleme wurden komplexer, die Medien explodierten förmlich, es kamen Internet und andere Kommunikationskanäle hinzu, von denen in den telefonlosen Zeiten niemand zu träumen wagte. Jeder machte unterschiedliche Erfahrungen, wurde auf Grund des falschen Geburtsjahres im Job geschnitten, arbeitslos, studierte mit konservativen Menschen, arbeitete in sich rasant wandelnden Branchen, lernte Leute aus unterschiedlichsten Bereichen und allen möglichen Ländern mit verschiedensten Ansichten kennen.

Daneben Klimawandel, Flüchtlingskrise, Jugoslawien, Tschetschenien, Irak, Syrien mit russischen und amerikanischen Bombardierungen, Libyen, folgenlose UNO-Resolutionen, Ruanda – sterben lassen oder eingreifen? Hätte eine NATO, ein Warschauer Pakt Auschwitz verhindert? Verhindern müssen? Wohin mit der Empathie? Wie würde man selbst entscheiden, wenn jede Entscheidung neue Probleme bringt?

Die ungeheure Vielschichtigkeit, diese Komplexität der modernen Welt, die scheinbare Unlösbarkeit so vieler Probleme weckt Sehnsucht nach der Zweidimensionalität früherer Diskussionen, als alles noch so einfach war, so überschaubar. Als der Ami und seine NATO böse waren, der Russe zwar mit wenig Wertschätzung für das einzelne Menschenleben, im Kern aber gut und immerhin der Befreier vom Faschismus. Diese Sehnsucht bedienen jetzt Portale wie die NachDenkSeiten. Sie vereinen die vor 35 Jahren schon erwachsen gewesenen Teile hunderttausender Familien wie unserer an der gemeinsamen Kaffeetafel oder am Grill, indem sie gezielt einzelne Bruchstücke der Realität herausgreifen, die man sich Bestätigung suchend an den Kopf werfen kann.

Ich kann damit nichts anfangen. Ich bin leider skeptisch, was solche einfachen Diskussionsmuster und Sichtweisen betrifft. Als ich Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre von nach wie vor existierenden Gulags erfuhr, vom Hitler-Stalin-Pakt, von Vergewaltigungen nach dem Krieg, vom Holodomor – alles Sachen, die in den Geschichtsunterricht gehört hätten, dort aber nie auftauchten, die sehr erfolgreich verschwiegen wurden – als ich die Karzer der Sowjetarmee in den ehemaligen Kasernen als Helfer auf dem Bau mit eigenen Augen sah, als mich der überbordende Personenkult um Putin und Stalin auf Tassen und T-Shirts in Moskau anwiderte, die Millionen Überwachungskameras an chinesischen Kreuzungen, und, lächerlich, auch als ich von 4000 Videorekordern und 10000 Schuhen in Honeckers Villa in Wandlitz erfuhr – da zerbrach etwas in mir. Es baute sich neben dem ohnehin kritischen Blick auf den Westen ein weiterer, kritischer Blick auf den Osten auf.

Man verschone mich also bitte mit Lafontaine, Wagenknecht, KenFM und Co. Und mit den NachDenkSeiten. Ich will ihre Meinung nicht mehr hören, ich kenne sie. Es ist seit Jahren dieselbe, ich brauche dazu weder ihre Webseiten noch ihre Youtube-Videos. Mich interessiert deren rhetorisch geschickte Selbstdarstellung nicht. Sie haben keine Lösungen. Ich habe keinen Bock auf das Einschlagen auf immer denselben, einen Gegner, auf einseitige exakte Auflistung der Fehler des Westens. Die wir zweifelsfrei machen, selbst wenn wir nichts tun.

Die 80er sind vorbei und uns geht es sehr gut. Trotz aller Unkenrufe.


PS: Das Titelbild kommt aus einem sehr netten Video:

Kommentare lasse ich ausnahmsweise eine Weile offen, erfahrungsgemäß gibt es bei diesen Themen tausend verschiedene Meinungen.

Ein Gedanke zu “Wie wir die Welt verbesserten

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