Resteessen

Sachen, die es nicht in die bisherigen Berichte geschafft haben.


Weshalb ich überhaupt in Pushkar war
In Pushkar findet jährlich die Camel Fair statt, DIE Verkaufsmesse für Kamele und andere Tiere. Ein Riesenspektakel mit vielen bunten Farben, Rummelatmosphäre und unglaublichen Menschenmassen, die sich durch die engen Gassen wälzen.
In den letzten beiden Jahren ist sie wegen CoViD ausgefallen. Auch dieses Jahr dürfen keine Kamelhändler kommen, damit fällt schlagartig der Hauptgrund für mein Kommen weg. Das erfahre ich erst hier.

Kamelreiten will ich trotzdem. Surri, ein überaus symphatischer junger Mann hat ein Kamel namens Raja, mit ihm geht’s für ein paar Stunden in die Wüste. Ich bekomme dort etwas zu essen, schwatze lange und ausgiebig, hauptsächlich über Kamele. „Raja is a very friendly camel, you can bring your wife and children next time and we ride to Jaisalmer.“ 1000 kg kann sie tragen.

Jaisalmer ist allerdings 500 km entfernt und wife and children hätten vielleicht gar keine Lust, 3 Wochen durch die Wüste zu schlendern. Raja ist nämlich sehr gemütlich unterwegs, wenn sie rennen soll, macht sie das höchstens für 50 Meter, dann rasseln ihre Fußklappern wieder einen langsamen Bummeltechnobeat.

In Agra am Taj Mahal war ich natürlich auch
Der Zug nach Agra fährt pünktlich um 6 Uhr morgens in Ajmer los. Taj Mahal und Red Fort sind Pflichtveranstaltungen in Indien. Der Rest der Stadt ist leider ziemlich hässlich, auch das betonen die meisten Leute. Sie haben recht. Ich habe mir deshalb das Programm ein wenig voller gepackt und fahre abends weiter nach Varanasi. Ich gelte in Indien als jung (optisch), das verpflichtet zu anstrengenden Reiseplänen.

Der Bus nach Varanasi soll 0:00 Uhr fahren, hat aber zweieinhalb Stunden Verspätung. Wieder einmal sitze ich pünktlich an einer Haltestelle, nicht ahnend, dass mich das noch ein weiteres Mal treffen wird. Das Warten ist nicht so schlimm, wie es manchmal klingt. Man ist in Indien nie alleine, schnell sitzen drei, vier Leute neben mir, erzählen mir, woher sie kommen – Jaipur – und wohin sie fahren, eben dahin. Auch ihr Bus kommt nicht pünktlich, gemeinsam teilen wir Essen von Straßenständen, ich berichte vom kalten Deutschland, sie von ihren Besuchen in diversen Tempeln.

Manchmal wird mir das auch zu viel. Die große Lust der Indys, jeden erdenklichen, häufig recht heruntergekommenen Flecken in der Stadt mit ein paar chinagemachten Plastikfiguren von Ganesh oder Shiva zu schmücken, ein paar orange Blumen dazu und dann ergriffen anzuhalten, wenn man da vorbeikommt, ein paar Mantren(?) zu murmeln, sich zu verbeugen oder gar auf die Knie zu fallen und erst dann weiterzugehen, wird mir wohl für immer fremd bleiben. Sie kommen mir hin und wieder vor wie Kinder.

Dazu passt auch die Rücksichtslosigkeit, mit der sie in Zügen und Bussen oder im Hostel morgens, während noch viele schlafen, laut Instagram und TikTok-Videos gucken. Kurze Videosequenzen, dazu irgendein brüllender Sound. Wie bei meinen Kindern vor ein, zwei Jahren, wenn sie im Wohnzimmer saßen und sich langweilten. Ganze Zugabteile hallen von dieser Kakophonie des Grauens wider, weil man ja lauter machen muss, damit man in der Vielstimmigkeit des Netzes das eigene Handy noch hören kann.

Genauso rücksichtslos wird oft mit niedriger gestellten Menschen umgegangen. Mehrmals saß ich in der Rikscha vorn neben dem Fahrer, einen Arm unbequem nach hinten verrenkt, um meinen Rucksack festzuhalten und der Fahrer erzählte mir, dass ich der erste Mensch seit Jahren sei, der normal mit ihm redet, ihn respektiert. Indys gehen über die Angabe des Zieles und ein paar Kommandos, welches Gepäckstück wie zu verstauen sei, nicht hinaus, häufig in recht herrischem Ton gesprochen. Das passt gar nicht zur Freundlichkeit und Neugier, mit der sie mir begegnen.

Varanasi
Die Stadt ist völlig überlaufen, der Bus darf nicht hineinfahren und wirft seine wertvolle Fracht – mich – eine Stunde Rikschafahrt vor dem Zentrum ab. Dev Diwali wird heute hier gefeiert, 14 Tage nach dem eigentlich in ganz Indien gleichzeitig stattfindenden Fest. Die Ufer des Ganges sind mit Millionen kleiner Öllämpchen geschmückt, sämtliche Gebäude mit Lichtergirlanden und allerlei leuchtendem Kram behängt. Man kann kaum an den Treppen des Gangesufers, den Ghats, entlanglaufen, so überfüllt ist es. Polizei regelt die Menschenströme, die sich scheinbar aus dem Nichts durch die Straßen ergießen.
Am besten kann man das Fest der Lichter vom Boot aus sehen. Ich organisiere mir daher einen Platz auf einer der unzähligen überfüllten Schaluppen und treibe mit hunderten anderen Menschen an der leuchtenden Stadt vorbei. Feuerwerk, Lasershow, alles dabei.

Neben mir sitzt Alvin, in London lebender gebürtiger Inder und erklärt mir und anderen Umsitzenden die Welt. Mein „Still loving Antifa“-Aufkleber am Handy steht zum Beispiel für Antifashion. Interessante Interpretation, mit Mode habe ich es tatsächlich nicht so. Wir schaukeln dazu an einem riesigen Hakenkreuz aus Öllämpchen vorbei, einem jahrtausendealten Glückssymbol, das die Nazis für ihre menschenfeindlichen Zwecke missbrauchten.

Varanasi besteht aus uralten, sehr schmalen Gassen, teilweise passen gerade so zwei ausgewachsene Menschen nebeneinander durch. Trotzdem muss dort natürlich Motorrad gefahren werden, unzählige kleine Stände und Läden engen den Weg zusätzlich ein. Im Gegensatz zu vielen Reiseberichten anderer Leute empfinde ich die Stadt aber als sehr angenehm, mir gefallen die Enge, die Menschenmassen, die im heiligen Fluß badenden Hindus, die Affen, für deren Vertreibung an jedem Tisch in Cafes oder Kneipen ein langer Stock steht. Sie blecken sonst gnadenlos die Zähne und gehen ziemlich schnell zum Angriff über, um das Frühstück zu erbeuten.

Überhaupt die Tiere. In Indien leben Menschen, Kühe, Ziegen, Katzen, Hunde, Affen, Ratten, Streifenhörnchen und andere Vier- und Zweibeiner buchstäblich miteinander, sie nutzen die Städte scheinbar als gleichberechtigte Wesen und ziemlich selbstverständlich. Das ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie auch sehr sympathisch.

Kolkata/Kalkutta
Ursprünglich sollte mich ein weiterer Bus 20:00 Uhr nach Kolkata bringen, der fällt aber aus. Das „Reisebüro“ in Pushkar, über welches ich die Tickets gekauft habe, organisert per WhatsApp um, 2:55 Uhr soll ich nun mit dem Zug fahren. Ich bummle noch ein bisschen durch Varanasi, im Hostel gibt man mir allerdings zu verstehen, dass ich das nicht zu ausgedehnt machen sollte, der Bahnhof liege 14 km von der Stadt entfernt und Rikschafahrer schlafen auch irgendwann.

Gegen 1 Uhr sitze ich also wieder mal vorn, diesmal neben Vikky, 36 Jahre alt, 4 Kinder, eine Liebesheirat mit seiner Frau sei es gewesen. Love Marriage, das betont er immer wieder und grinst über beide Backen. Wir verfahren uns mehrmals. Er spricht kaum Englisch und kann die Schilder nicht lesen. Seine Elektro-Rikscha hat er über ein von Modi ins Leben gerufenes Programm preiswert geleast, die muss er jetzt abzahlen und seine Familie ernähren. Er fängt meistens um 9 Uhr morgens an zu fahren und kommt, wie heute, erst gegen 2 Uhr wieder nach Hause. Und mag Modi. Wir schwatzen radebrechend die ganze lange Fahrt durch die Nacht, meine politischen Ansichten, aus deutschen Zeitungen gebildet, behalte ich für mich.

Viele Menschen, die ich getroffen habe, kommen mit der „Hinduismus zuerst“-Politik des Premierministers nicht so gut klar. Teils, weil sie die ausgrenzende Art ablehnen, teils, weil sie daraus resultierende separatistische Bestrebungen anderer indischer Bundesstaaten befürchten und Indien nur als großes Ganzes begreifen.

Der Zug hat ordentlich Verpätung. Statt 2:45 Uhr fährt er erst 7:15 Uhr ein. Über eine Webseite lässt er sich verfolgen, für die letzten 11 Kilometer bis zu mir benötigt er anderthalb Stunden. Der ganze Bahnhof ist übersät mit schlafenden Menschen. In bunte Decken gehüllt liegen sie teilweise in Reih und Glied, teilweise quer durcheinander in der Gegend rum. Ich kann nicht schlafen, vielleicht kommt er ja doch schneller, als erwartet und dann verpasse ich ihn?

In Kolkata treffe ich die Liebste, ab jetzt wird in Hotels gewohnt. Viel kann ich zu dieser Stadt gar nicht sagen, ich war zwar im indischen Museum und im Victoria-Memorial, bleibenden Eindruck hinterlassen diese aber nicht bei mir. Nach drei Tagen fliegen wir nach Delhi, gehen noch ein bisschen Shoppen und schon sind fast 5 Wochen Indien vorbei.

Schade. Zeit für eine kurze Zusammenfassung.

Indien ist ja für viele ein wenig angstbehaftet. Zu laut, zu schmutzig, zu viel Armut, zu stressig, zu anstrengend. Stimmt alles. Mir gefällt es aber, vor allem die unkomplizierte Art, miteinander umzugehen, zu reden, zu fragen. Das sähe sicherlich mit indischem Gehalt anders aus, wenn man jede Rupie zweimal umdrehen müsste, betrifft mich aber zum Glück nicht. Ein Privileg, dessen bin ich mir völlig bewusst. Uns geht es in unserem Teil der Welt ausgesprochen gut.

Mich hat Indien lange nicht interessiert. Ich würde auch im Nachhinein nicht wegen musealer Sehenswürdigkeiten hinfahren. Der Bohei um die Götter ist zwar schön anzusehen, ich bin aber kein Inder, er ist mir fremd, wie sämtliche Religionen. Ich bin auch weit davon entfernt, wie andere westliche Touristen heilsversprechenden Segen in zum Teil jahrtausendealten Traditionen finden zu wollen.

Mir hat, wie in vielen anderen Ländern, vor allem das Kennenlernen unterschiedlicher Leben gefallen. Merkt man wahrscheinlich, es kommen kaum Sehenswürdigkeiten in meinen Berichten vor, obwohl ich jede Menge gesehen habe. Indien ist dafür wie kein anderes Land geeignet. Wieder einmal wurde dabei mein Grundverständnis vom Guten im Menschen bestätigt, das ist mir wichtig und vielleicht der Hauptgrund meines Reisens.

Ich habe viel geschrieben, das mache ich sehr gern unterwegs, darauf freue mich mich immer schon vorher. Vielleicht sogar der zweite Grund für’s Wegfahren. Es war schön warm, ich weiß nicht, ob ich in kalte Länder fahren wollte. Ich hatte keinen Reiseplan, unvorhergesehene Probleme, sehr anstrengende Momente. Ich brauche das hin und wieder, am liebsten einmal im Jahr, auch wenn das für manche nur schwer zu verstehen ist. Wenn alles vorgefertigt ist, bleibt kein Raum für das, was ich erleben will.
Mir kommt es jetzt vor, als hätte ich 1,4 Milliarden neue Freundys.

Ich lasse hier mal die Kommentarfunktion eingeschaltet, vielleicht gibt es ja Fragen. In den nächsten Tagen muss ich endlich mal meine Bilder sortieren, dann wird’s hier auch noch ein bisschen bunter. Aber, wie gesagt, ich schreibe eigentlich lieber.

Eine der unzähligen „Can I make a selfie with you“-Situationen

2 Gedanken zu “Resteessen

  1. Hej Kommentar,
    ja alles fleissig durchgelesen. War (wie immer) sehr unterhaltsam. Fragen werden per Webex geklärt. Das einzige und wahre Tool für Rückfragen.
    beneide Dich um die 3-4Wochen familienfrei, wiederum bin ich sehr gern mit meiner frau unterwegs. Wenn ich eine Lösung habe schreibe ich es Dir, egal ob Du es wissen willst.
    Hintere Bank und doch weit vorne!

    1. Ich bin ja auch sehr gern mit meiner Liebsten unterwegs, muss (darf) eben nur nicht in den fernen Landen arbeiten und vertreibe mir die Zeit daher mit Rumtüdeln.
      Webex beschte! :-D

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