Moskau, Moskau

Donnernder Applaus

Ihr Lieben,

nur ganz kurz: Wir (ich, die Liebste war ja schon hier) sind mit Blitz und Donner über Scheremetjevo niedergegangen. Es gab tatsächlich einen Blitzeinschlag im Flughafen, eine Massenpanik, Schlägerei, einen oder mehrere Tote. Außerdem fiel die gesamte Elektronik aus. Unser Flugzeug und alle, die kurz vor und lange nach uns landeten, wurden per Hand abgefertigt, niemand durfte seinen Sitz verlassen. Bis zehn vor 0 Uhr saß ich, der letzte Aeroexpress vom Flughafen zum Belorusski Woksal fährt 0:30 Uhr…

Oh jemine! Schnell weiterlesen!

Воспоминания

März 1990, Leningrad, minus 15 Grad, ein Kino am Rande der Stadt. In der DDR findet in wenigen Stunden die erste und letzte freie Volkskammerwahl statt. „Rauchen verboten!“ sagte der Milizionär am Einlass, die Saalluft stand vor Wodka und Qualm, es war völlig überfüllt. Die russischen Punks waren optisch harmlos, sah man von den vielen freien Oberkörpern ab. Ich selbst im dünnen T-Shirt, ein Leningrader schenkte mir später seinen schwarz-weiß gestreiften Baumwollpullover, der in den Jahren danach langsam an mir zerfiel. Es war eine wilde Nacht. Ich musste am frühen Morgen den langen Weg durch die Kälte zurück ins Hotel finden, mein Klassenlehrer erwartete die Anwesenheit aller beim Frühstück.

Es spielte damals nicht Distemper, aber so ähnlich war es, die Namen der Bands habe ich leider vergessen.

Klaus-Dieter, blöder Mieter!

Der Dresdner Bürger Klaus-Dieter
War in seiner Wohnung Mieter
Und als im Herbst die Blätter fielen
Faulten bei ihm sieben Dielen

Das war Klaus-Dieter nicht geheuer
Eigentlich wohnt er recht teuer
Bezahlte sogar jährlich mehr
Das Wohnen fiel ihm manchmal schwer

Auf der andren Seite war der Fritz
Klaus-Dieters Wohnung – sein Besitz
Und er hatte tausend mehr
So lief das Geld ihm hinterher

Er sprach: „Ein jeder hat die Möglichkeit
Soviel wie ich zu haben, jederzeit!
Nur sind die andern eben leider
Nicht so fleißig. Neider!“

Das hörte zufällig Klaus-Dieter
Schon schwoll die Zornesröte wieder
Er kam gerade von der Schicht
Das Bier war kühl, sein Ärger nicht

Er schnappte sich ein altes Laken
Und begann darauf zu krakeln
„Die Ausländer sind unser Tod“
„Die fressen unser ganzes Brot“

Damit ist er losgezogen
Um Banken machte er ’nen Bogen
Traf sich mit andern an der Elbe
Die Deppen brüllten alle dasselbe

Der Fritz besah sich mittlerweile
Eine neue Häuserzeile
„Der Spielplatz dort muss aber weg“
Dann unterschrieb er einen Scheck

Ein zweiter Scheck ging an die NPD
Ihm tät es nämlich ziemlich weh
Wenn jemand dieses Spiel durchschaut
Und ihm auf die Fresse haut.

Heinz und Gerda

Wer die Gelegenheit hat, Heinz und Gerda kennenzulernen – und diese Gelegenheit haben alle, die in ihre akustische Reichweite kommen – stellt bald fest, dass es sich bei den beiden, entgegen des ersten Eindruckes, nicht um ein gemischtgeschlechtliches Paar Menschen handelt, sondern wahrscheinlich um eine Art Fledermäuse. Insbesondere das Männchen stösst mit hoher Regelmäßigkeit die für die Gattung charakteristischen Rufe ‚Gammordorniwissn‘ und ‚Häddnsejamadranschreimgönn‘ aus, mit welchen es Artgenossen zur Lautgabe auffordert und dem Weibchen sein Bemühen um Orientierung und Wehrhaftigkeit in einer dem eigenen Wohnzimmer fremden Umgebung signalisiert. Biologen rätseln momentan über den Sinn eines solchen Verhaltens: Einerseits schliesst das schlechte Gehör der Art eine Echoortung aus, anderseits dürfte die permanente Geräuschabgabe nach einhelliger Meinung kein fortpflanzungsbegünstigendes Kriterium sein. Vom Aussterben sind die Tiere jedoch zum Glück nicht bedroht. Wissenschaftler der Universität Leipzig glauben sogar, in den Rufen sächsischen Dialekt erkannt zu haben. Auf diesem Gebiet ist also weitere Forschung nötig, bevor wir Heinz und Gerda besser verstehen werden.