Als wir am Montagmorgen Kaleüçağız verlassen, jammert der Muezzin uns laut hinterher. Julischka hat gerade die Pensionsrechnung um ein Drittel heruntergehandelt, der Besitzer Baba Veli muss den Rest des Monats darben. Und es ist erst der 4. Mai.
Feilschen ist nicht mein Ding. Mir ist unklar, wie Vertrauen in einer Gesellschaft entstehen kann, wenn man immer verhandeln, immer mißtrauisch sein muss, damit man nicht über den Tisch gezogen wird. Wahrscheinlich bin ich in einer der weitverzweigten Ecken meines Herzens doch sehr deutsch.
Über sowas philosophieren wir beim Wandern, man kann ja nicht ununterbrochen die Natur preisen. Auch die überall herumstehenden, zweieinhalbtausend Jahre alten Ruinen sind Thema, deren Erbauer komischerweise keine Wege geschaffen haben. Sind die – wie wir – den ganzen Tag komplett auf den unwegsamen, schwer zu laufenden Boden fokussiert gewesen? Ich hatte mir die alten Hellenen eigentlich immer pathetisch wandelnd vorgestellt, mit ausschweifenden Armbewegungen auf die umliegende Welt deutend: „Sieh und bewundere, du, Peripatitoles, den Sonnenuntergang über Kekova!“
Das fällt nach 15 konzentrierten Kilometern schwer, davon zeugen die Blessuren bei anderen, manchmal folgen wir Blutspuren.
Die hinterlasse ich auch mit jeder erwischten Mücke im Bad. Vor Julischkas Preisverhandeln sollte es einen Tag regnen. Da unsere müden Knochen eine Pause mit warmer Dusche brauchen, haben wir in der „Baba Veli Pansiyon“ eingecheckt und überbrücken das schlechte Wetter im Sitzen. Gemeinsam mit drei türkischen und vier chinesischen Touristys tuckern wir nämlich auf einem für unsere kleine Gruppe überdimensionierten Kahn durch die malerischen Buchten entlang der Insel Kekova. Badepause mit Tee, Badepause mit gebratenem Fisch, Badepause vor Inselruinen mit Ziegen. Der Tag verfliegt. Die meisten springen ins türkis-blaue Wasser, mir ist es bei dem Wind und ohne Sonne aber zu kalt.
Wir unterhalten uns stattdessen sehr angeregt mit einem der Chinesen über das Leben, das Universum und den ganzen Rest.
Die meisten der antiken Dörfchen und Städte hatten früher Häfen. Manche sind bis heute bewohnt, heißen nur anders. Per Schiff wurde zum Beispiel der sehr begehrte palästinensische Wein gehandelt, vor zweitausend Jahren waren einige religiöse Dogmen noch nicht erfunden.
Olympos ist eine der alten Städte, die wir unterwegs besuchen. Die Architektur erinnert mich ein bisschen an traumhafte Häuser in Südfrankreich, wobei in Olympos nur noch Teile der Außenmauern stehen.
In der Nähe ruhen wir uns drei Tage auf dem Beach Camping Çıralı aus, ein ruhiger Zeltplatz, wo man Hühner füttern und kleine Katzen streicheln kann. Außerdem macht die Zwergohreule die ganze Nacht alle fünf Sekunden „Djü“. Trotz aller Augenschärfungen und konzentriertem Suchen finde ich die leider tagsüber nirgends schlafend in einer der riesigen Pinien hockend. Sie ist aber auch nur amselgroß und gut getarnt.
Das Zwergohreulchen ruft im Baum
Im Sommer brütet hier die vom Aussterben bedrohte Meeresschildkröte. Wenn alles gut geht, versuchen hunderte kleine Schildkrötenbabys nach dem Schlüpfen ins Wasser zu kommen. Weil das nur noch an wenigen Orten auf der Welt stattfindet und sicher auch, weil die kleinen so niedlich sind, dürfen in Çıralı keine Touristenbetonburgen gebaut werden.
Morgen wandern wir zu den ewigen Feuern von Chimaira und weiter, dann ist auch bald schon Schluss mit dem Lykischen Weg und mit dem Urlaub.
Hat mir sehr gefallen. Mit der Liebsten unterwegs zu sein und abends wichtige Fragen zu googeln, zählt für mich zu den besten Dingen im Leben. Der Weg selbst war mir ein bissl zu anstrengend, man kann nie in die Gegend gucken, sonst stürzt man unweigerlich über scharfkantige Steine. Ich gucke aber ausgesprochen gerne rum und träume vor mich hin. Wir sind deshalb immer mal langweilige oder zu anstrengende Strecken, für die man Wasser und Essen für mehrere Tage hätte mitschleppen müssen, getrampt oder Bus gefahren.