Ayran Man

„You have to unleash your inner Spider-Man!“ Der junge Amerikaner, der uns gerade fast 1000 Meter über dem Meeresspiegel überholt, hat gut reden. Ich klettere überhaupt nicht gerne, schon gar nicht mit einem 14 Kilogramm Rucksack auf dem Rücken.

Rechts neben mir der Abgrund, nicht ganz senkrecht zur malerisch blauen Ägäis tief unter mir. Ein Stolpern hätte minutenlanges in die Tiefe Poltern über das scharfkantige Gestein des Taurus-Gebirges zur Folge, einen formvollendeten Kopfsprung ins Wasser gäbe es zum Abschluss definitiv nicht.

Vor mir die Liebste, der ich hinterherspringen müsste, wenn ihr das passierte, um sie zu retten. Halt, daran darf ich gar nicht denken, sonst muss ich für immer hier oben bleiben. Ihr Schweiß glitzert in der Sonne und am Horizont glitzern schneebedeckte Gipfel.

„My spirit animal is a dolphin!“, rufe ich John hinterher, der leichtfüßig an uns vorbei gemst und gefühlt kaum 10 Minuten später als kleiner, bunter Punkt auf eine halbverfallene Kate in der Ferne weiter unten zusteuert und Ayran bestellt. „Or an otter!“, irgendwas niedliches jedenfalls.

Wie bin ich bloß hier hingekommen?

Zu Fuß! Den vierten Tag wandern wir mittlerweile den Lykischen Weg entlang, den wir uns ein kleines bisschen einfacher vorgestellt hatten.

Aber schön ist hier alles: Das blaue Wasser, in dem winzige Segelboote blassweiße Spuren ziehen. Tausend Jahre alte Olivenbäume, die knorrig an schroffen, riesigen Bergflanken stehen. Die Dörfchen, von denen niemand weiß, warum sie hier am Ende der felsigen Welt existieren. Hier trifft man sich, wenn man abends nicht mehr kann, mit fünfstelligem Kaloriendefizit und nur noch zwei Wünschen – Essen und Schlafen.
Menschen von überall her, aus der Türkei, den USA, Russland, Kasachstan, Slowenien, Tschechien, Kanada, der Schweiz, Brasilien, vielen weiteren und natürlich Deutschland, wir Deutschen sind auf der ganzen Welt für unsere Wanderlust bekannt.

An reich gedeckten Tischen erzählen wir uns dann von anderen Fernwanderwegen all over the world, schütteln die Köpfe über den Zustand der Gegenwart, berichten amüsiert über unsere Luxusgegenstände, die wir über die Berge tragen. Die Liebste ein Kissen, ich ein elektronisches Notizbuch, das ich wahrscheinlich kein einziges Mal brauchen werde, zu fertig bin ich nach den Tagen, zu unbequem schreibt es sich damit im Zelt. Andere haben einen Kaffeekocher dabei oder nur 8 Kilo Gepäck, die Definitionen von Luxus gehen auseinander.

Es sind oft interessante Leute, die man unterwegs trifft. Und interessante Orte, manchmal wirken sie wie Hippie-Dörfer, dann wieder wie mittelalterliche Datschensiedlungen mit Muezzin. Gestern haben wir unter dem Vordach einer stillgelegten Moschee gezeltet, nachdem Allah und das quantenmechanische Paradoxon die agnostischen Atheisten sicher an ihr Tagesziel geleitet haben. Niemals einfach gerade, immer nur steil bergauf oder steil bergab.

Der einfache Teil:
Antalya – Fethiye per Bus (Kamil Koc, türkischer FlixBus)
Fethiye – Ölüdeniz per Minibus, Ausstieg Lycian Way
Ab da: Laufen. Stundenlang bergauf.